Erfurter Latrinensturz
Shownotes
Stadtgeschichte trifft makabre Panne…
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00:00:00: Erfurter Latrinensturz.
00:00:03: Der Erfurter Latrinensturz gehört zu den außergewöhnlichsten und zugleich tragischsten Ereignissen des deutschen Hochmittelalters.
00:00:12: Am XXV.
00:00:13: Juli, Elfhundert, Vierundachtzig stürzten während eines Königlichen Hoftages in der Dompropstei des Marinstifts in Erfurt zahlreiche hochrangige Teilnehmer durch zwei Stockwerke des Gebäudes in eine darunter liegende Toilettengrube.
00:00:31: Etwa sechzig Menschen kamen dabei ums Leben.
00:00:35: Viele von ihnen ertranken oder erstickten.
00:00:38: Andere wurden von herabfallenden Balken und Steinen erschlagen.
00:00:43: König Heinrich VI.
00:00:45: überlebte nur durch Zufall.
00:00:48: Diese Katastrophe erschütterte das Reich, wurde in Kroniken ausführlich beschrieben, und blieb als warnendes Beispiel für die Zerbrechlichkeit politischer Inszenierungen und die Risiken mittelalterlicher Bauweise lange im Gedächtnis.
00:01:07: Politischer Hintergrund.
00:01:10: Um die Bedeutung des Erfurter Latrinensturzes zu verstehen, muss man die politischen Verhältnisse des Reiches zur Zeit Heinrichs des Sechsten betrachten.
00:01:20: Der junge König, Sohn Kaiser Friedrichs, der erste Barbarossa, befand sich im Sommer des Jahres elfhundertvierundachtzig auf einem Feldzug gegen polnische Adelige.
00:01:33: Auf dem Rückweg wollte er in Erfurt einen Hoftag abhalten, um einen gefährlichen Konflikt zwischen Erzbischof Konrad, dem Ersten von Mainz und Landgraf Ludwig, dem Dritten von Thüringen zu schlichten.
00:01:48: Dieser Streit war nach dem politischen Zusammenbruch Heinrichs des Löwen entstanden und hatte das Gleichgewicht in Mitteldeutschland aus der Bahn geworfen.
00:01:57: Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen stritten mehrere Fürsten um die Nachfolge in Einfluss und Territorien.
00:02:04: Sowohl der Mainzer Erzbischof als auch der Thüringer Landgraf bemühten sich, ihre Machtzonen auszudehnen und traten dabei zwangsläufig in Konkurrenz.
00:02:15: Heinrich VI.
00:02:16: musste eingreifen, denn ein eskalierender Konflikt zwischen zwei so bedeutenden Fürsten hätte die Stabilität ganzer Regionen gefährden können.
00:02:25: Zudem war er erst seit elfhundertdreiundachtzig König und darauf angewiesen, die Reichsfürsten von seiner Autorität zu überzeugen.
00:02:35: Ein erfolgreicher Schlichtungsversuch sollte seine Stellung stärken.
00:02:40: Hoftage dienten in dieser Zeit nicht nur der Rechtsprechung, sondern waren öffentliche Bühnen, auf denen politische Macht sichtbar wurde.
00:02:49: Wer kam, bekundete symbolisch seine Loyalität.
00:02:53: Deshalb reisten viele Adlige, Grafen, Bischöfe und Ritter nach Erfurt.
00:02:59: Durch ihre Anwesenheit zeigten sie, dass sie die Autorität Heinrichs des Sechsten anerkannten.
00:03:07: Gleichzeitig war ihre Anwesenheit ein politisches Statement innerhalb des vielschichtigen Gefüges des Reiches.
00:03:15: Je mehr Fürsten anwesend waren, desto stärker wirkte der Hoftag als gemeinschaftliche Handlung der Reichsordnung, der Ort des Geschehens.
00:03:28: Die Versammlung fand in der Dompropstei des Marinstifts auf dem Erfurter Dombergstadt.
00:03:34: Dieser Gebäudekomplex war eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Region.
00:03:39: Die Propstei war jedoch nicht für eine so große und zugleich schwer gerüstete Menschenmenge ausgelegt.
00:03:45: Das obere Stockwerk in dem sich der König und die Fürsten versammelten, war aus Holz konstruiert.
00:03:53: Unter diesem Raum lag ein weiteres Geschoss, und darunter befand sich eine große Toilettengrube, wie sie für mittelalterliche Stiftsanlagen typisch war.
00:04:03: Diese Gruben wurden nur selten gelehrt und erreichten im Laufe der Jahre erhebliche Tiefe.
00:04:10: Wenn ein Boden einbrach, war ein Sturz in diese Gruben meist tödlich.
00:04:16: Die baulichen Zustände mittelalterlicher Gebäude unterschieden sich stark von heutigen Standards.
00:04:22: Holzböden konnten durch Feuchtigkeit geschwächt sein, Balken konnten morsch werden und Belastungsgrenzen wurden oft überschritten.
00:04:32: Bei repräsentativen Treffen wie einem Hoftag kamen zusätzlich schwere Rüstungen, Waffen und dicht gedrängte Menschen dazu.
00:04:41: Die Dompropstai war also nicht nur politischer Schauplatz, sondern auch ein baulich verwundbarer Ort.
00:04:50: Der Ablauf des Unglücks.
00:04:53: Am Morgen des sechsundzwanzigsten Juli war der Saal im oberen Stockwerk überfüllt.
00:04:59: Ritter, Fürsten, Geistliche und Gefolgsleute drängten sich im Raum.
00:05:04: Viele trugen Rüstungen oder schwere Kleidung.
00:05:07: Der König nahm auf einer steinernen Fensternische Platz, zusammen mit Bischof Konrad, den Ersten von Wittelsbach.
00:05:15: Während die Streitparteien ihre Anliegen vortrugen, geschah das Unfassbare.
00:05:20: Der hölzerne Boden unter dem Gedränge gab plötzlich nach.
00:05:25: Der Einsturz erfolgte so schnell und unerwartet, dass niemand reagieren konnte.
00:05:31: Die Menschen wurden in die Tiefe gerissen und stürzten auf das darunter liegende Geschoss, das den Aufprall vieler Körper nicht lange standhielt und nach wenigen Augenblicken ebenfalls einbrach.
00:05:44: Nun fielen die Menschen weiter hinab, direkt in die Latrinengrube.
00:05:49: Der Sturz war mehrere Meter tief.
00:05:52: Der dichte Schlamm aus Abfällen, Fäkalien und Schmutz bildete eine zähe Masse, in der die meisten Opfer sofort versanken.
00:06:02: Viele erstickten in der Grube, andere wurden von nachfallenden Balken tödlich getroffen.
00:06:08: Der Gestank, die Enge und das völlige Chaos machten Rettungsversuche fast unmöglich.
00:06:15: Schreie und Hilferufe erfüllten den Domberg, Doch für die meisten kam jede Hilfe zu spät.
00:06:22: Der König selbst entging dem Tod nur, weil die steinene Fensternische, in der er saß, nicht in den Einsturz hineingezogen wurde.
00:06:31: Die massive Konstruktion hielt stand und bot ihm sowie dem Bischof Schutz.
00:06:37: Diener legten Leitern von außen an die Wand und halfen dem König ins Freie.
00:06:43: Heinrich VI.
00:06:44: war entsetzt und verließ Erfurt noch am selben Tag.
00:06:48: Auch Landkraft Ludwig III.
00:06:50: überlebte das Unglück, wenn auch nur knapp.
00:06:53: Für viele Adlige hingegen endete der Hoftag in der völligen Katastrophe.
00:06:59: Die genaue Zahl der Toten wurde in verschiedenen Kroniken unterschiedlich angegeben, doch die meisten berichten von etwa sechzig Opfern.
00:07:09: Die Opfer und ihre Bedeutung.
00:07:13: Unter den Toten befanden sich zahlreiche Mitglieder des Adels, darunter Grafen, Ritter und Ministeriale bedeutender Fürsten.
00:07:22: Einige Familien verloren Erben, was in den folgenden Jahren zu Erbstreitigkeiten und politischen Verschiebungen führte.
00:07:30: Der Tod so vieler hochrangiger Personen an einem einzigen Tag war für das Reich ein Schock.
00:07:37: Im Mittelalter hatten persönliche Bindungen, Verwandtschaftsbeziehungen und Gefolgschaften enorme Bedeutung.
00:07:44: Wenn mehrere Adlige zugleich starben, gerieten politische Netzwerke aus dem Gleichgewicht.
00:07:50: Besonders tragisch war die Art des Todes.
00:07:54: Das Ertrinken oder Ersticken in einer Toilettengrube galt als entwürdigend.
00:08:00: Die mittelalterliche Gesellschaft maßt der Ehre eines Ritters hohen Wert bei.
00:08:05: Der Tod in einer Latrine wurde oft als symbolisch gedeutet, als Strafe für Hochmut oder als göttliche Mahnung.
00:08:13: Viele Chronisten beschrieben deshalb das Ereignis nicht nur als Unglück, sondern auch als moralisches Zeichen.
00:08:22: Ursachen und bauliche Hintergründe.
00:08:25: Warum der Boden einbrach, lässt sich heute nur anhand der Berichte rekonstruieren, doch mehrere Faktoren müssen zusammengekommen sein.
00:08:34: Die Überfüllung des Raumes spielte zweifellos eine große Rolle.
00:08:38: Die Anwesenheit schwer gerüsteter Männer, kombiniert mit der schwachen Konstruktion des Bodens, führte zu einer Überlastung.
00:08:46: Hinzu kamen das Alter des Gebäudes und mögliche Vorschäden wie Feuchtigkeit, Morschebalken, oder mangelhafte Reparaturen.
00:08:55: Die Dompropstei waren nicht für massive Menschenansammlungen gebaut worden.
00:09:00: Auch war es im Mittelalter üblich, dass repräsentative Räume zwar groß, aber baulich nicht verstärkt waren.
00:09:08: Die Architektur setzte auf offene Holzkonstruktionen, die einer großen Belastung kaum standhielten.
00:09:15: Der Erfurter-Latrinensturz zeigt eindrucksvoll, wie stark mittelalterliche Gebäude im Alltag und bei politischen Ereignissen gefährdet waren.
00:09:25: Das Unglück ist eines der wenigen historisch dokumentierten Beispiele für ein strukturelles Versagen eines Gebäudes mit zahlreichen Todesopfern.
00:09:35: Es verdeutlicht zugleich, dass politische Machtinszenierungen im Mittelalter stets unter dem Risiko baulicher Instabilität standen.
00:09:45: Zeitgenössische Deutungen Die mittelalterlichen Chronisten deuteten das Ereignis in verschiedener Weise.
00:09:53: Manche sahen darin, eine göttliche Warnung an die Fürsten, ihren Hochmut abzulegen und ihren Streit zu beenden.
00:10:02: Andere deuteten es als Mahnung an den König, gerecht zu regieren und Frieden zu stiften.
00:10:09: Die dramatische und entwürdigende Art des Todes wurde häufig moralisch aufgeladen.
00:10:15: Der Sturz in Schmutz und Unrat wurde als Symbol für die moralische Verderbtheit des Adels gedeutet oder als Hinweis auf die Vergänglichkeit weltlicher Macht.
00:10:26: Viele der Beteiligten sahen nach dem Unglück das politische Geschehen in einem neuen Licht.
00:10:31: Der Streit zwischen dem Erzbischof und dem Landgrafen verlor an Schärfe.
00:10:36: Und beide Seiten waren nach dem gemeinsamen Überleben des Unglücks eher bereit, sich zu einigen.
00:10:42: Der König selbst reagierte pragmatisch, und kümmerte sich in den folgenden Monaten um die Stabilisierung der Region.
00:10:51: Folgen für Erfurt und das Reich.
00:10:55: Für die Stadt Erfurt war das Unglück ein einschneidendes Ereignis.
00:11:00: Die Dompropstai wurde repariert und später teilweise erneuert, doch die Erinnerung an die Katastrophe blieb lange lebendig.
00:11:09: Das Vertrauen in die Bausubstanz vieler kirchlicher und weltlicher Gebäude wurde erschüttert.
00:11:15: In der Folge achteten Fürsten bei großen Versammlungen zunehmend auf stabilere Räume und reduzierten oft die Anzahl der Teilnehmer oder verteilten sie auf mehrere Räume.
00:11:26: Für Heinrich VI.
00:11:28: war das Ereignis ein frühes Problem seiner Herrschaft, doch es beeinträchtigte seine politische Entwicklung nicht dauerhaft.
00:11:36: In den folgenden Jahren setzte er seine Ambitionen fort, wurde König von Sizilien und später Kaiser.
00:11:43: Der Erfurter Latrinensturz blieb jedoch ein Schatten über seinem frühen Königtum und wurde später oft als Beispiel für die Unberechenbarkeit der Macht und die Gefahren des höfischen Lebens zitiert.
00:11:57: Der Latrinensturz in der Geschichtsschreibung.
00:12:01: In den Jahrhunderten nach dem Unglück blieb der Erfurter Latrinensturz ein beliebtes Thema in Kroniken, Erzählungen und später auch in historischen Darstellungen.
00:12:13: Während man im Mittelalter besonders die moralische Dimension betonte, interessierten sich Historiker der Neuzeit zunehmend für die baulichen Ursachen und die politischen Folgen.
00:12:24: In der modernen Forschung gilt das Ereignis als Beispiel für das Zusammenspiel von Architektur, Politik und symbolischer Deutung im Mittelalter.
00:12:34: Es zeigt, wie sehr die materiellen Bedingungen das politische Handeln beeinflussten.
00:12:41: Ein Ordnung.
00:12:43: Der Erfurter Latrinensturz von elfhundertvierundachtzig war weit mehr als ein tragisches Unglück.
00:12:50: Er war ein Einschnitt in die politische Geschichte Mitteldeutschlands, ein Spiegel der mittelalterlichen Machtstrukturen und ein Hinweis auf die Gefahren des Alltags in einer Zeit, in der Gebäude oft instabil waren und Menschen immer wieder unvorhergesehenen Risiken ausgesetzt waren.
00:13:09: Für die Zeitgenossen war er ein Zeichen.
00:13:11: für die Nachwelt ein Lehrstück und für die Geschichtsschreibung ein faszinierendes Beispiel dafür, wie eng menschliche Tragödie und politische Entwicklungen miteinander verbunden sein können.
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